Sylvia Wetzel spricht über Vertrauen als geistige Übung und Lebenshaltung. In diesem Vortrag verknüpft sie Meditation, Achtsamkeit und Humor zu einer alltagsnahen Praxis des Erwachens – nicht als Ideal, sondern als Weg in die Reife.
Einleitung: Vom Sitzen zum Schauen
Am Anfang steht eine einfache Meditation. Aufrecht, ruhig, wach. Der Atem fließt natürlich, die Aufmerksamkeit darf wandern, ohne verloren zu gehen.
„Mit zwanzig Prozent Aufmerksamkeit den Atem begleiten – das reicht“, sagt Sylvia Wetzel. Und wer mag, kann im Rhythmus des Atems innerlich sagen: Ja, danke.
Das ist kein spirituelles Mantra, sondern eine Einladung zu Präsenz: zu einem hellwachen, gelassenen Dasein.
Drei Arten des Lernens – drei Formen des Vertrauens
In der Meditation führt Wetzel durch eine kleine Reflexion über das Lernen.
Erstens: Lernen durch Hören – von Lehrer:innen, von Büchern, von Vorbildern.
Zweitens: Lernen durch Ausprobieren – das Erlernte im Alltag prüfen.
Drittens: Lernen durch Erfahrung – das, was sich in uns selbst als wahr erweist.
Aus diesen drei Formen des Lernens entstehen drei Arten von Vertrauen: in andere, in uns selbst und in das Leben.
Vertrauen in andere, sagt sie, wächst durch Begegnung. Selbstvertrauen wächst durch Ausprobieren. Und das tiefe Vertrauen ins Leben – das entsteht in jenen Momenten, in denen wir spüren: Es stimmt.
Erwachen ist kein Ausnahmezustand
Oft, so Wetzel, wird Erwachen als ein besonderer, erhabener Zustand missverstanden – als etwas Außeralltägliches, beinahe Übermenschliches.
Doch für sie beginnt Erwachen dort, wo Achtsamkeit und Mitgefühl zusammenfallen. „In dem Moment, in dem ich merke: Da ist Ärger, da ist Gier, da ist Urteil – bin ich schon wach.“
Erwachen ist kein Schwebezustand, kein Dauerlächeln. Es ist die Fähigkeit, zu bemerken, was geschieht, und sich zu erinnern, was hilft.
Das ist Achtsamkeit: bemerken, was jetzt ist – und erinnern, was heilt.
Meditation ist ein Spiel mit der Wirklichkeit
Sylvia Wetzel betont, dass Meditation nichts Starres ist. „Am Anfang übt man nach Anleitung. Später spielt man mit der Methode.“
Sie vergleicht Meditation mit Musik: Anfangs übt man Tonleitern, liest Noten, spielt nach Regel. Mit der Zeit entsteht ein Gefühl für Rhythmus, für Stimmigkeit. Man erkennt: Jetzt stimmt’s.
„Manchmal ist es wie beim Kochen“, sagt sie. „Man probiert, kostet, verändert – bis die Suppe stimmt.“
So ist Meditation: ein Zusammenspiel von Erfahrung, Geduld und innerem Geschmack.
Vertrauen reduziert Komplexität
„Ich bin Niklas Luhmann dankbar“, sagt Wetzel. „Er hat mir gezeigt: Vertrauen ist kein Luxus, sondern eine Überlebensstrategie.“
Das Leben ist komplex. Niemand kann alle Informationen haben oder alles verstehen. Vertrauen hilft, inmitten dieser Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.
Wir vertrauen, dass die Sonne morgen aufgeht. Wir vertrauen, dass die Erde trägt. Wir vertrauen anderen Menschen, auch wenn wir wissen, dass sie Fehler machen.
Dieses Vertrauen ist kein blinder Glaube, sondern eine Haltung, die Komplexität erträglicher macht.
Erwachsenwerden heißt Verantwortung übernehmen
Erwachsenwerden, sagt Wetzel, bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen – ohne Perfektion zu erwarten. „Perfektion ist ein Gedankenfehler“, sagt sie. „Leben ist nie fertig.“
Sie spricht von der Gefahr, dass Selbstoptimierung und Authentizität zu neuen Zwängen werden. „Wir müssen lernen, mit uns selbst umzugehen – und unsere Macken mit Humor zu betrachten.“
Erwachen ist kein Bruch mit dem Menschsein, sondern seine Reifung.
Gefühle prüfen – und Stimmigkeit finden
Gefühle, erklärt Wetzel, sind „schnelles Denken“. Sie sind unmittelbar, aber nicht immer weise. Darum prüft sie sie an den ethischen Regeln: „Wenn ein Gefühl dazu führt, dass ich jemanden verletze, dann ist es kein guter Ratgeber.“
Im Tibetischen gibt es dafür den Begriff Stimmigkeit. Wenn eine Handlung sich stimmig anfühlt – wie eine Suppe, die endlich rund schmeckt –, dann wissen wir: Sie ist reif.
Das ist, sagt Wetzel, die Kunst des Erwachens: das Leben abschmecken, bis es stimmt – und dann loslassen.
Erwachen und Erwachsenwerden
„Man wird nicht perfekt“, sagt sie, „aber man kann friedlich werden.“
Erwachen ist kein Ziel, sondern eine Bewegung: bemerken, was geschieht, erinnern, was hilft, und darauf vertrauen, dass das Leben mit uns arbeitet.
Oder, wie sie es am Ende formuliert: „Erwachsenwerden heißt, Verantwortung zu übernehmen, zu üben, zu vertrauen – und zu wissen: Das Universum stimmt uns zu.“
Nach einem Vortrag von Sylvia Wetzel, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich.