Sylvia Wetzel verbindet in ihrem Vortrag buddhistische Lehre, Psychologie und Philosophie. Sie zeigt, wie Erwachsenwerden und Erwachen zusammenhängen – als zwei Seiten einer Haltung, die Verantwortung, Mitgefühl und Humor vereint.

Einleitung: Eine lebenslange Freundschaft mit dem Erwachen

Sylvia Wetzel beginnt mit einem Lächeln: Sie und Silvia Kolk, sagt sie, teilen nicht nur denselben Vornamen mit „Y“, sondern auch einen gemeinsamen Weg – den Versuch, Buddhismus und westliche Denkweisen miteinander ins Gespräch zu bringen.

„Ich trage den Feminismus in die buddhistische Szene, und sie bringt den Buddhismus in die Frauenszene“, erzählt sie.

Schon in ihrer Jugend habe sie gelernt, frei zu sprechen – als Mädchen, das bei der Fasnet Geschichten erzählte, um das Dorf zum Lachen zu bringen. „Da lernt man, wie man Menschen erreicht, ohne dass sie einschlafen.“

Diese Leichtigkeit, gepaart mit Tiefgang, prägt auch ihren Vortrag über das Erwachsenwerden und Erwachen – zwei Begriffe, die sich nur durch ein einziges „S“ unterscheiden.

Erwachsen werden heißt: Verantwortung übernehmen

Erwachsenwerden, sagt Wetzel, bedeutet Verantwortung für das eigene Denken, Sprechen und Handeln zu übernehmen.

„Und von Hannah Arendt habe ich gelernt, dass es Mut braucht, Verantwortung für die Folgen des Handelns zu übernehmen – auch wenn man sie nicht vorhersehen kann.“

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Aber Verantwortung endet nicht beim Vorsatz. Auch Helmut Schmidt habe sie beeindruckt: „Man ist verantwortlich, auch für die unbeabsichtigten Folgen seines Handelns.“

Diese Haltung – das Eingeständnis, dass man Fehler machen darf, aber nicht ausweichen kann – ist für Wetzel der Kern von Reife.

Erwachsensein zwischen Psychologie und Philosophie

Freud definierte Reife als die Fähigkeit, „zu lieben und zu arbeiten“. Für Wetzel steckt darin eine tiefe Wahrheit: Wer lieben und arbeiten kann, übernimmt Verantwortung – für Beziehungen und für das Gemeinwohl.

Sie zitiert den Psychologen Eric Berne, der das „erwachsene Ich“ als die Fähigkeit beschreibt, Situationen zu moderieren: die eigenen Interessen zu kennen, die der anderen zu sehen und daraus etwas Drittes entstehen zu lassen.

Doch sie ergänzt: „Ich glaube, unsere Kultur ist derzeit ziemlich pubertär – immer dagegen, immer ‚ich will meins‘.“

Reif werden heißt, über sich hinauszuwachsen.

Mut zum Denken – von Kant bis Hannah Arendt

Sylvia Wetzel greift den Aufruf Kants auf: Sapere aude – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Doch sie ergänzt: „Kant wusste, dass Verstand und Vernunft nicht dasselbe sind.“

Verstand sammelt Wissen, Vernunft erkennt seine Grenzen. „Und das“, sagt Wetzel, „passt wunderbar zum Buddhismus: die Fähigkeit, die Grenzen des eigenen Wissens zu sehen.“

Hannah Arendt nannte das die „erweiterte Denkungsart“ – die Bereitschaft, Besuche im Denken anderer zu machen. Diese Offenheit sei für Wetzel der Kern von Demokratie: die Fähigkeit, mit Menschen im Plural über die gemeinsame Welt zu sprechen.

Vom Hören zum Erfahren – drei Arten des Lernens

Auch im Buddhismus ist Lernen ein Prozess mit drei Schritten:

1. Hören – von anderen, von Texten, von Lehrer:innen.
2. Üben – ausprobieren, anwenden, prüfen.
3. Erfahren – so lange wiederholen, bis es im Herzen ankommt.

Diese drei Formen des Lernens führen zu drei Arten des Vertrauens: in andere, in sich selbst und in das Leben.

„Wenn man nur hört, bleibt man ein Kind. Wenn man nur ausprobiert, bleibt man in der Pubertät. Erst wenn man verinnerlicht, wird man reif.“

Vertrauen, so Wetzel, ist der Schlüssel – und gleichzeitig eine spirituelle Reifung: Es verbindet Denken, Fühlen und Handeln.

Reinigen und Ansammeln – Bewusstsein als Praxis

Der buddhistische Weg spricht von zwei Grundübungen: Reinigen und Ansammeln.

Reinigen heißt, wach zu werden für Gier, Hass und Verblendung – in all ihren feinen Varianten. „Es gibt 21.000 Arten von Gier, 21.000 von Hass, 21.000 von Verblendung – und 21.000 Mischformen“, zitiert sie lachend. „Das soll uns nur daran erinnern: Übermut bringt nichts. Es reicht, wenn man ein paar der eigenen Verblendungen erkennt.“

Ansammeln bedeutet, Verdienste und Weisheit zu kultivieren. Verdienste – das ist für Wetzel eine positive Haltung zum Leben. „Wenn ich dauernd sage: Das ist blöd, das ist gemein, dann fehlt was. Verdienste ist einfach Freundlichkeit – eine freundliche Sicht auf die Welt.“

Die vier Unermesslichen

Freundlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude, Gleichmut – diese vier Haltungen sind das Herz buddhistischer Ethik. Sie lassen sich üben, sagt Wetzel, „und sie verändern alles – auch unser Verhältnis zu uns selbst.“

Das Leben wird dadurch nicht einfacher, aber durchlässiger.

Erwachen ist keine Ausnahme, sondern Erkenntnis

„Erwachen“, erklärt Wetzel, „ist kein übernatürlicher Zustand. Es ist der Moment, in dem wir unsere Verblendungen erkennen.“

Sie zitiert den Zen-Meister Dōgen:
„Wer seine Verblendungen erkennt, ist erwacht. Wer über Erwachen spekuliert, ist verblendet.“

Das sei für sie das Schönste am Buddhismus: „Er ist praktisch. Er lädt ein, hinzusehen.“

Erwachen ist kein Ziel, sondern ein Prozess – ein Horizont, der sich mit jedem Schritt verschiebt.

Nach einem Vortrag von Sylvia Wetzel, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich.

Buddhistisches Stadt-Zentrum Hamburg

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