In ihrem Vortrag spricht Sylvia Wetzel über die „Ethik des Nichtverletzens“ – ein Thema, das zwischen persönlicher Übung und gesellschaftlicher Verantwortung liegt. Sie zeigt, wie Mitgefühl, Achtsamkeit und Humor helfen, Frieden von innen nach außen zu leben.
Der innere Ursprung von Frieden
„Frieden geht von innen nach außen“, sagt Sylvia Wetzel gleich zu Beginn. Man könne kein Programm aufstellen und erwarten, dass andere friedlich werden, wenn man selbst noch im Unfrieden ist. Deshalb beginnt die Praxis des Nichtverletzens im eigenen Geist – in der Art, wie wir denken, sprechen und handeln.
Diese Haltung, betont sie, braucht Vorbilder. Menschen, die Werte klar vertreten, ohne verletzend zu sein. Sie erzählt von ihrer Mutter, einer Wirtin im Schwarzwald, die mit Humor, Freundlichkeit und einem scharfen Blick für Gerechtigkeit klare Grenzen setzte – charmant, aber bestimmt.
Vielfalt und das Lernen im Miteinander
Frieden braucht Begegnung. Wetzel erinnert an ihre Kindheit in einem kleinen Schwarzwaldstädtchen: Am Stammtisch saßen Handwerker und Fabrikdirektoren nebeneinander, Lehrerinnen und Apotheker, Bauern und Beamte. „Da lernte man Vielfalt – und dass Menschen nicht nur aus einer Eigenschaft bestehen.“
Das, so Wetzel, sei eine Schule der Toleranz. Wer die Unterschiede im Alltag kennenlernt, verliert die Angst vor dem Fremden. „Ich mochte Blasen noch nie“, sagt sie über politische und ideologische Abgrenzung. Wirklicher Friede entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Gespräche „mit Menschen im Plural“, wie Hannah Arendt es nannte.
Der Friede beginnt im eigenen Geist
Innere Unruhe, Selbstkritik und Überforderung machen es schwer, anderen mit Offenheit zu begegnen. „Wenn ich mit mir selbst nicht im Frieden bin“, sagt Wetzel, „kann ich andere Positionen kaum anhören.“ Meditation hilft, diese Dynamiken zu erkennen. Nicht, um sie loszuwerden, sondern um sie mit Bewusstsein zu halten.
Sie erzählt von ihrer Zeit als Leiterin eines buddhistischen Zentrums in Niederbayern. Dort lebten Menschen verschiedenster Hintergründe miteinander – manchmal harmonisch, manchmal mit Reibung. Doch durch Freundlichkeit, Humor und Achtsamkeit gelang Integration, auch mit dem katholischen Dorf drumherum. „Unsere Zucchinis lagen beim Erntedankfest auf dem Altar“, sagt sie lachend.
Lernen, Vertrauen zu entwickeln
In der tibetischen Tradition unterscheidet man drei Arten des Lernens – und drei Formen von Vertrauen:
1. Vertrauen in andere: durch Zuhören und Lernen von Lehrenden und Vorbildern.
2. Vertrauen in sich selbst: durch Ausprobieren und Üben im Alltag.
3. Vertrauen in die Erfahrung: durch Meditation und Einsicht.
Wetzel betont: „Die Lehren sind nicht dazu da, dass wir uns neue Hüte aufsetzen, sondern dass wir im Spiegel einer Lehre entdecken, was wir selbst denken.“ Meditation, erklärt sie, bedeute wörtlich „im Herzen bewegen“. Sätze wie „Mögen alle Wesen glücklich sein“ werden so zu inneren Melodien, die das Herz verändern.
Vertrauen und Evidenzerfahrung
Manchmal, sagt sie, entsteht beim Meditieren ein Moment tiefer Gewissheit – ein Aha-Erlebnis: Das stimmt. Diese Momente lassen sich nicht erzwingen, aber sie nähren Vertrauen. „Kurze Momente, viele Male“, lautet ein tibetischer Ratschlag. Sich immer wieder an das Verbindende zu erinnern – das sei spirituelle Praxis.
Mehrstimmigkeit als Übung der Demokratie
Ein besonders schönes Bild findet sie im gemeinsamen Singen. „Mehrstimmiges Singen ist für mich eine Einübung in Demokratie“, sagt sie. Man lernt, Unterschiede zu hören, Raum zu geben, sich einzufügen, ohne sich zu verlieren. Jede Stimme zählt – und gerade das Zusammenspiel schafft Harmonie.
Ethik im Alltag
Wetzel erinnert an die Bodhisattva-Gelübde: „Tu Gutes, meide das Böse, kläre Herz und Geist.“ Diese Ethik ist keine Liste von Geboten, sondern eine Einladung zum Üben. „Übungen, keine Vorschriften“, betont sie immer wieder.
Dazu gehören:
– nicht lügen, sondern das Wahre sprechen,
– nicht von den Fehlern anderer reden,
– Ärger bemerken, bevor er handelt,
– und immer wieder: freundlich bleiben.
Das bedeutet nicht, alles hinzunehmen. Grenzen zu setzen – freundlich, aber klar – gehört ebenso zur Ethik des Nichtverletzens.
Kleine Unterbrechungen der Gewohnheit
Manchmal, sagt sie, hilft Humor: „Wenn ihr euch streitet, dürft ihr immer aufs Klo gehen“, zitiert sie Lama Yeshe. „Dort kann man wunderbar meditieren.“ Kleine Pausen, bewusstes Durchatmen, ein Ortswechsel – das sind alltägliche Formen der Achtsamkeit.
Auch Schimpfen sei erlaubt, aber maßvoll. „Ich schimpfe fünf Minuten und dann rede ich über etwas Positives.“ Wichtiger sei, sich daran zu erinnern, dass selbst aus Krisen Neues entsteht. „Wenn fünf Prozent der Menschen in einer Region sich wirklich engagieren, kann sich etwas bewegen“, sagt sie.
Frohes Üben
Am Ende ihres Vortrags fasst Sylvia Wetzel zusammen: „Leben ist tragisch und erhaben. Alles, was kommt, geht auch wieder. Nur das Ende des Haderns bringt Frieden.“
Nichtverletzen bedeutet nicht, perfekt zu werden. Es heißt, freundlich mit den eigenen Grenzen zu sein, offen für Vielfalt und bereit, sich immer wieder zu üben – froh, nicht verbissen.Nach einem Vortrag von Sylvia Wetzel, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich