Sylvia Wetzel spricht in diesem Vortrag über die Entstehung von Feindbildern und über Wege, sie zu überwinden. Sie verbindet buddhistische Einsichten mit Philosophie, Psychologie und persönlicher Erfahrung – und zeigt, warum wahre Erkenntnis immer Demut, Mut und Offenheit braucht.
Einleitung: Hass wird nicht durch Hass überwunden
„Hass wird nicht durch Hass überwunden. Hass wird durch Liebe überwunden.“ Diesen Satz des Buddha stellt Sylvia Wetzel an den Anfang ihres Vortrags.
Er klingt einfach, sagt sie, aber er ist radikal. Denn in jedem Konflikt – ob privat, politisch oder gesellschaftlich – neigen wir dazu, mit Gegengewalt zu reagieren. Druck erzeugt Gegendruck, Wut ruft Wut hervor. Die buddhistische Praxis lädt stattdessen dazu ein, die Spirale zu unterbrechen – und zu erkennen, was unter der Wut liegt: Angst und Ohnmacht.
Feindbilder und ihre Wurzeln
Feindbilder entstehen, so Wetzel, aus dem Gefühl der Ohnmacht.
Wenn wir uns hilflos fühlen, suchen wir Halt – und dieser Halt entsteht oft durch Zuschreibung. Wir erklären andere zum Gegner, um uns selbst zu stabilisieren. Das ist menschlich, aber gefährlich.
Der Buddha sprach von Gier, Hass und Verblendung. In moderner Sprache könnte man sagen: Konsumismus, Abwertung, Ideologie. Alles dreht sich um das „Ich“ – mein Recht, meine Angst, mein Besitz.
Feindbilder sind keine Ausnahmeerscheinung, sondern Ausdruck unserer psychischen Abwehr. Und sie verstärken genau das, wovor sie schützen sollen: das Gefühl der Trennung.
Wut, Angst und Erstarrung – die Dynamik der Ohnmacht
Wetzel verweist auf den Traumatherapeuten Peter Levine (Sprache ohne Worte). Seine Forschung beschreibt drei Grundreaktionen auf Überforderung: Angriff, Flucht, Erstarrung.
Wenn wir glauben, etwas bewältigen zu können, handeln wir. Wenn wir scheitern, kommt Wut. Wenn Handeln nicht möglich ist, entsteht Angst. Und wenn weder Wut noch Flucht helfen, verhärten wir innerlich – wir „stellen uns tot“, ideologisch oder emotional.
Diese Mechanismen erklären, warum Feindbilder so attraktiv sind: Sie verschieben das Gefühl der Ohnmacht nach außen. „Die anderen sind schuld“ – das entlastet kurzfristig, macht aber langfristig ohnmächtiger.
Vom Teufel zum System – alte Muster in neuer Gestalt
Früher, sagt Wetzel, war es der Teufel. Heute ist es „das System“, „die da oben“, „die anderen“.
Ohnmacht sucht einen Gegner. Doch wer anderen absolute Macht zuschreibt, entmachtet sich selbst.
„Wenn ich glaube, dass die anderen allmächtig sind, werde ich selbst immer kleiner.“ So entsteht ein Kreislauf aus Angst, Wut und Schuldzuweisung – in der Politik, in Bewegungen, in Familien.
Buddhistische Praxis bedeutet, diesen Kreislauf zu erkennen – und die Verantwortung zurückzunehmen: zu spüren, wo eigene Grenzen liegen, und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Vom richtigen Denken
Ein Schlüssel, sagt Wetzel, liegt im Denken selbst.
Sie erzählt von der Begegnung mit dem tibetischen Lehrer Tarab Tulku, der zwischen gültigen und ungültigen Konzepten unterschied: Ein Konzept ist gültig, wenn wir wissen, dass es ein Konzept ist – und wenn es funktioniert. Ein Konzept ist ungültig, wenn wir glauben, es sei die objektive Wahrheit.
„Ich dachte lange, meine Beziehung, mein Team, meine Weltanschauung sind objektiv richtig. Bis das Leben mir zeigte, dass alles nur so lange funktioniert, wie die Bedingungen stimmen.“
Dieses Erkennen sei schmerzhaft, aber heilsam. Denn Denken kann zur Befreiung führen – wenn es sich selbst durchschaut.
Zweifel als Tor zur Weisheit
In der buddhistischen Tradition wird zwischen zwei Formen des Zweifels unterschieden: unentschlossener Zweifel und konstruktiver Zweifel.
Der eine lähmt. Der andere führt in die Tiefe. Konstruktiver Zweifel, sagt Wetzel, ist wie eine Biene, die in einer Blüte herumkrabbelt – sie sucht, was nährt.
So entsteht Weisheit: nicht durch Antworten, sondern durch Fragen.
Vertrauen als Gegengewicht
„Demokratie braucht Vertrauen“, sagt Wetzel. Vertrauen darauf, dass aus Begegnungen mit Menschen, die anders denken, etwas Gutes entstehen kann.
Diese Haltung braucht Mut – den Mut, die Grenzen des eigenen Denkens zu erkennen. Und sie braucht Beziehung: im Buddhismus Zuflucht genannt.
Zuflucht bedeutet Vertrauen in die Lehre (Dharma), in Lehrer:innen (Buddha) und in die Gemeinschaft (Sangha). Aber sie betont: „Auch diese Zuflucht hat Grenzen. Irgendwann muss man selbst Verantwortung übernehmen. Dann wird aus äußerem Vertrauen inneres Vertrauen – und schließlich ein Vertrauen, das ohne Beweise auskommt.“
Die dunkle Nacht des Geistes
Wetzel zieht eine Parallele zu Johannes vom Kreuz. Er beschreibt zwei Phasen der Reifung: die „dunkle Nacht der Seele“ und die „dunkle Nacht des Geistes“.
In der ersten erkennt man, dass äußere Freuden nicht erfüllen. In der zweiten, dass auch Gedanken und Theorien keine letzte Wahrheit tragen.
Wer das aushält, ohne zu verzweifeln, findet ein Vertrauen, das tiefer reicht als Wissen – ein Vertrauen ins Leben selbst.
Erkenntnis und Staunen
Zum Schluss verweist Sylvia Wetzel auf den Kulturphilosophen Jean Gebser, dessen Werk Ursprung und Gegenwart sie geprägt hat.
Gebser beschreibt vier Bewusstseinsformen:
– archaisch: das Gefühl, eins zu sein mit allem,
– magisch: intuitive Verbundenheit,
– mythisch: Sinn für Symbole und Geschichten,
– mental: die rationale, begriffliche Welt.
Unsere Zeit, sagt Wetzel, lebt fast ausschließlich im rationalen Bewusstsein. „Wir haben den Kontakt zu den anderen Dimensionen verloren – zu Mythos, Symbol, Natur.“
Deshalb sucht die Gegenwart unbewusst nach Heilung – in Spiritualität, Esoterik, Aktivismus. „Aber keine Dimension darf Chef spielen“, sagt sie. „Verstand ohne Herz wird kalt, Gefühl ohne Denken sentimental.“
Schlussgedanke
„Ich bin überzeugt,“ sagt Sylvia Wetzel, „dass man politisch und menschlich nur gut handeln kann, wenn das Gemeinsame stärker ist als das Trennende.“
Feindbilder, Angst und Zynismus überwinden wir nicht durch Argumente, sondern durch Erfahrung: durch Verbundenheit, Musik, Stille, Natur, Begegnung.
Erwachen ist, wenn Denken, Fühlen und Staunen wieder zusammenfinden.
Nach einem Vortrag von Sylvia Wetzel, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich.