Barbara Pachl-Eberhart spricht über das Leben nach dem Verlust, über Humor als Haltung und über das „Immerhin“ – die Kunst, das Unvollkommene anzunehmen, ohne die Freude zu verlieren.
Auf das Gesunde schauen
„Als Clownin schaue ich nicht auf das Kranke, sondern auf das Gesunde.“ Dieser Satz, erzählt Barbara Pachl-Eberhart, stammt von einem Kollegen, der sie in ihre Arbeit im Krankenhaus einführte.
Bei ihrem ersten Einsatz, auf einer Krebsstation, war sie überfordert. Ein Kind hatte eine große Schwellung am Hals, und ihr wurde schwindlig. Danach erklärten ihr die erfahrenen Clowns: „Wir schauen nicht auf das, was fehlt. Wir schauen auf das, was da ist.“
Diese Haltung – das Gesunde zu sehen, selbst inmitten des Leids – wurde für sie zur Lebensregel. Auch auf der Intensivstation bei ihren eigenen Kindern erinnerte sie sich daran: „Ich schaue auf das, was noch da ist, nicht auf das, was weg ist.“
Denn etwas ist immer da.
Der nächste notwendige Schritt
Nach einer schweren Lebenskrise, sagt sie, tröstete sie ein Satz von C. G. Jung. Eine Frau hatte ihn gefragt, wie man den Sinn des Lebens findet. Jung antwortete:
„Den Sinn Ihres Lebens finden Sie am besten, wenn Sie immer den nächsten notwendigen Schritt tun, der sich zu tun anbietet.“
Barbara Pachl-Eberhart lächelt: „Ich glaube, das ist der sicherste Weg, den man gehen kann.“ Wenn sie auf die letzten vierzehn Jahre zurückschaut, sieht sie genau das: Sie hat immer nur den nächsten Schritt getan – manchmal langsam, manchmal hüpfend, manchmal kopfüber.
Das Leben, sagt sie, ist kein Plan, sondern eine Abfolge von Notwendigkeiten. Wer fragt, ‚Was ist jetzt wirklich dran?‘, kann kaum falsch gehen.
Vertrauen ins Leben
Natürlich hofft sie, dass ihr kein Unglück mehr passiert. Wer könnte das nicht verstehen?
Aber sie weiß auch: Das Leben arbeitet an uns. Es schleift, es formt, es lehrt. Und manchmal tut es weh.
Sie hat gelernt, dem Vergänglichen zu trauen. Nicht als Gefahr, sondern als Verbündeten.
„Denn alles ist vergänglich – und das ist schön. Weil auch das Schwere vergeht.“ Diese Erkenntnis, sagt sie, hat sie frei gemacht.
Taschentücher verweigern
„Ich weine heute oft – und ich liebe es.“
In ihren Seminaren gibt es keine Taschentücher. Wenn jemand weint, soll der Fluss nicht gestoppt werden.
„Ein Taschentuch“, sagt sie, „macht das Weinen sauber. Aber das Leben ist nicht sauber. Es ist roh, echt, nass. Und genau das ist seine Schönheit.“
Sie lacht, während sie das sagt, und man spürt: Diese Frau hat beides gelernt – zu weinen und zu lachen, ohne eines vom anderen zu trennen.
Perfektionismus mit Erlaubnis
„Manche Eigenschaften werde ich wohl nie los“, sagt sie. „Zum Beispiel meinen Perfektionismus.“
Früher wollte sie immer die Beste sein. Heute übt sie Nachsicht mit sich. Diese Nachsicht kam nicht von selbst. Sie kam durch den Tod ihrer Familie.
Ihr Therapeut wollte damals ihre Wut wecken – vergeblich. Erst Jahre später, nach einer Trennung, fand sie einen Zugang. Sie erinnert sich: „Ich saß vor einem Kissen, auf das ich trommeln sollte, und plötzlich musste ich lachen. Und ich sagte zu meinem Mann im Himmel: Weißt du, was der wirkliche Mist ist? Dass du da oben auf der Wolke sitzt und die Beine baumeln lässt, während ich hier unten 100 Euro zahlen muss, um auf ein Kissen zu hauen!“
Sie lacht, das Publikum lacht mit. Und dann wird sie still. „Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass Wut auch Liebe ist.“
Das Wort „immerhin“
„Ich habe mir ein neues Lieblingswort zugelegt: ‚immerhin‘.“
Früher sagte sie oft: ‚Ich habe heute nur eine E-Mail geschrieben.‘ Heute sagt sie: ‚Ich habe immerhin eine E-Mail geschrieben.‘
Dieses kleine Wort verändert alles. Es verwandelt Mangel in Fülle, Schuld in Selbstmitgefühl. Es ist, sagt sie, ‚eine leise Form von Dankbarkeit‘.
Der Clown als Gast auf der Bühne
In der Clownsarbeit gibt es eine Grundfigur: die Putzfrau, die aus Versehen auf der Bühne landet. Sie glaubt, allein zu sein, beginnt zu putzen – und entdeckt plötzlich das Publikum.
Ein Fiasko. Und zugleich ein Geschenk.
Der Clown bleibt, solange er darf. Er weiß: Die Bühne gehört ihm nicht. Er ist zu Gast. Und wenn jemand kommt, der sie braucht, geht er. Vielleicht langsam, vielleicht mit einem ‚Ich komm gleich‘. Aber er geht.
Diese Haltung nennt Barbara Pachl-Eberhart ‚Demut in Bewegung‘.
„Alles ist geliehen“, sagt sie. „Und gerade deshalb so kostbar.“
Was bleibt
Sie glaubt, dass wir als Menschen kein Anrecht auf Glück haben – aber ein Geburtsrecht auf Wandel.
Ein Recht auf Vergänglichkeit. Ein Recht auf neue Perspektiven.
„Wir haben kein Anrecht auf das Gute“, sagt sie. „Aber wir haben immer die Möglichkeit, es zu sehen.“
Dann lächelt sie, dieses unnachahmliche Clownslächeln: traurig und hell zugleich.
„Das war mein Schlusswort“, sagt sie. „Und bis hierher – danke fürs Zuhören.“
Nach einem Vortrag von Barbara Pachl-Eberhart, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich.