Roland Nyanabodhi spricht über Vertrauen und Zuversicht in einer Welt im Umbruch. Mit klaren Bildern, humorvollen Beispielen und tiefer buddhistischer Einsicht zeigt er, wie wir in Zeiten von Unsicherheit, Angst und Beschleunigung innere Stabilität finden – durch Innehalten, Weisheit und Mitgefühl.

Einleitung: Verbundenheit in unsicheren Zeiten

„Alles ist mit allem verbunden“, sagt Roland Nyanabodhi gleich zu Beginn seines Vortrags. Er blickt in den Raum, in dem einige Menschen anwesend sind, während andere online zugeschaltet sind. „Das ist das Schöne – wir sind verbunden, auch wenn wir nicht beieinander sitzen.“

In dieser Verbundenheit beginnt sein Vortrag über Vertrauen und Zuversicht in schwierigen Zeiten. Denn, so sagt er, die Welt befindet sich in einem rasanten Wandel – sozial, ökologisch, spirituell. „Wir alle spüren es: Etwas Altes geht zu Ende, etwas Neues beginnt. Aber das Neue ist noch nicht sichtbar. Und genau das ist die Herausforderung.“

Die Geschichte der Trennung

Nyanabodhi zitiert den Denker Charles Eisenstein: „Wir leben in einer Geschichte der Separation.“ Das bedeutet: Wir haben uns von uns selbst, von anderen und vom Leben entfremdet.

„Wir sehen uns als getrennte, eigenständige Systeme, die wir Ich nennen – und alles, was dieses Ich bedroht, versuchen wir abzuwehren.“ Doch, sagt er, dieses Streben nach Kontrolle führt zu Stress, Angst und Einsamkeit.

„Die Lehre des Buddha beschreibt genau diesen Zustand: Wir leben in Unwissenheit – in der Annahme, dass wir unabhängig existieren. Und genau das ist die Wurzel des Leidens.“

Die vier edlen Wahrheiten als Weg zum Vertrauen

Der Buddha, erinnert Nyanabodhi, hat diesen Zustand in den vier edlen Wahrheiten beschrieben. Sie sind die Grundlage, um Vertrauen zu entwickeln – nicht blindes Vertrauen, sondern Vertrauen, das auf Einsicht beruht.

1. Das Leben ist leidvoll (Dukkha). Alter, Krankheit, Tod, Trennung, Schmerz, Angst – all das gehört unweigerlich dazu.
2. Das Leiden hat eine Ursache. Es entsteht aus Anhaftung und dem Versuch, das Vergängliche festzuhalten.
3. Es gibt ein Ende des Leidens. In der Befreiung von Anhaftung entsteht Frieden.
4. Es gibt einen Weg, der zum Ende des Leidens führt. Der Achtfache Pfad – Achtsamkeit, Ethik, Weisheit – ist der Weg, auf dem Vertrauen wächst.

„Das Schöne ist,“ sagt Nyanabodhi, „diese Lehre hat sich seit über zweieinhalbtausend Jahren bewährt. Sie funktioniert heute noch genauso wie damals.“

Die Illusion der Kontrolle

Viele Menschen, so Nyanabodhi, versuchen Vertrauen zu erzwingen: durch Leistung, Sicherheit, Perfektion. „Wir glauben, wenn wir nur genug planen, vorsorgen, arbeiten, dann wird alles gut. Aber das Leben lässt sich nicht kontrollieren.“

Er lächelt. „Wir tun so, als könnten wir das Leben managen – und wundern uns dann, dass es uns entgleitet.“

Die Pandemie, sagt er, sei ein Weckruf gewesen: ein Hinweis darauf, dass Kontrolle eine Illusion ist. „Das Virus hat uns gezeigt, dass nichts selbstverständlich ist – weder Gesundheit noch Stabilität. Es hat uns gezwungen, innezuhalten.“

Vom Tun zum Sein

„Vielleicht,“ sagt Nyanabodhi, „war diese Zeit ein Geschenk – ein globaler Moment des Innehaltens.“

Wir leben in einer Welt der Beschleunigung, in der das Machen zum Ersatz für Sinn geworden ist. „Ich mache, also bin ich“, sagt er augenzwinkernd. Doch dieses permanente Tun hat uns vom Wesentlichen entfernt.

Er erinnert an eine bekannte buddhistische Geschichte: Ein Mörder namens Angulimala jagt den Buddha. Doch je schneller er läuft, desto weiter entfernt sich der Buddha. Schließlich ruft er: „Bleib stehen!“ Der Buddha antwortet: „Ich bin längst stehen geblieben – bleib auch du stehen.“

„Das ist die Weisheit des Innehaltens,“ sagt Nyanabodhi. „Wenn wir stehen bleiben, holt uns das Leben wieder ein.“

Der Mut zum Innehalten

Innehalten heißt nicht aufgeben, sondern sehen. Es bedeutet, die Bewegung zu stoppen, in der wir uns verlieren – das Denken, das Beurteilen, das Reagieren.

„Wir sind ständig am Haben-Wollen und Loswerden-Wollen,“ erklärt Nyanabodhi. „Diese Dynamik erschöpft uns. Wir können sie nur unterbrechen, wenn wir still werden.“

Dann geschieht etwas: Die Welt wird wieder durchlässig. „Wir spüren, dass wir getragen sind. Dass Leben da ist – ohne unser Zutun.“

Vertrauen als Erfahrung, nicht als Konzept

„Vertrauen wächst, wenn wir das Leben direkt erfahren,“ sagt Nyanabodhi. Nicht, wenn wir es kontrollieren wollen. Nicht, wenn wir es ständig bewerten.

Er erzählt eine Anekdote: „Eine Freundin sollte den Wald eines Seminarzentrums erkunden. Nach kurzer Zeit rief sie an und sagte: ‚Der Wald gibt nicht viel her.‘ – Und genau so war es dann auch. Wir gingen hinein, und er gab tatsächlich nichts her. Erst als wir das Urteil losließen, öffnete sich der Wald. Dann war er plötzlich lebendig.“

„Das Leben gibt uns genau so viel, wie wir bereit sind, zu sehen.“

Vertrauen und Weisheit

Wirkliches Vertrauen, so Nyanabodhi, ist kein Wunschdenken, sondern eine Folge von Einsicht. „Wenn wir erkennen, dass alles in Bewegung ist, müssen wir nichts mehr festhalten.“

Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern Tiefe. „Wir sind keine getrennten Wesen. Wir sind Teil des Ganzen – in jedem Atemzug, in jeder Begegnung.“

Dieses Verständnis wandelt Angst in Zuversicht, Trennung in Mitgefühl.

Schlussgedanke

„Vertrauen,“ sagt Roland Nyanabodhi, „bedeutet, der Wirklichkeit zu trauen – so, wie sie ist. Nicht, wie wir sie gerne hätten.“

Er blickt in den Raum. „Bleib stehen. Atme. Sei da. Das genügt.“

So entsteht Zuversicht: im Moment, im Dasein, im Mitfühlen.

Nach einem Vortrag von Roland Nyanabodhi, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich.

Buddhistisches Stadt-Zentrum Hamburg

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