Bhante Pasanna spricht über die Kraft des Verzichts: Warum weniger zu wollen kein Verlust, sondern ein innerer Gewinn ist – und wie sich darin die Essenz buddhistischer Praxis offenbart.
Einleitung: Warum Verzicht heute so schwer klingt
Das Wort Verzicht löst bei vielen ein leises Zusammenzucken aus. Es klingt nach Mangel, nach Einschränkung, nach etwas, das uns genommen wird. Doch in der buddhistischen Lehre steht Verzicht nicht für Entbehrung, sondern für Einsicht: für das Erkennen, dass nicht alles, was angenehm ist, auch heilsam sein muss.
Bhante Pasanna beschreibt diesen Weg als eine Schulung des Geistes – eine Bewegung von äußeren Gewohnheiten zu innerer Klarheit. Verzicht ist darin kein Ziel, sondern eine Folge von Verständnis: Wenn wir sehen, was uns wirklich gut tut, lassen wir das andere freiwillig los.
Was Verzicht wirklich bedeutet
Im alltäglichen Verständnis heißt Verzicht, etwas aufzugeben, das uns gefällt. In der Praxis des Dhamma bedeutet er, ungeschickte Tendenzen zu erkennen – und sie zu ersetzen durch heilsame, „geschickte“ Zustände.
Denn vieles, was angenehm ist, stärkt gerade jene Gewohnheiten, die uns langfristig unruhig machen: Gier, Ablehnung, Verblendung. Der buddhistische Weg lehrt, dass geistiges Wohlbefinden nicht aus dem Festhalten am Angenehmen entsteht, sondern aus dem Erlernen von Geschick im Umgang mit den eigenen Regungen.
Die Kunst des geschickten Umgangs
Der Geist ist gewohnt, ständig zu reagieren – festhalten, ablehnen, ausweichen. Diese Bewegungen sind tief eingeprägt. Verzicht heißt nicht, sie zu bekämpfen, sondern sie zu durchschauen.
Ein Beispiel: In der Meditation tauchen Unruhe oder Langeweile auf. Der Impuls, aufzustehen, ist stark – doch genau hier liegt die Übung. Wer bleibt, wer aushält, erlebt, dass hinter dem Unangenehmen eine tiefere Ruhe wartet. So wird das, was zunächst wie Verzicht aussieht, zur Quelle von Freiheit.
Freundlichkeit und Mitgefühl als Grundlage
Verzicht, so betont Bhante Pasanna, darf nie Kampf gegen sich selbst werden. Er ist eine Einladung, sich besser kennenzulernen – mit einer Haltung von Metta (liebender Güte) und Karuna (Mitgefühl).
Diese beiden Qualitäten sind wie Hände, mit denen wir achtsam in unserem Geist arbeiten. Ohne sie tragen wir die alten Keime von Kritik und Härte weiter. Mit ihnen verwandelt sich Verzicht in Fürsorge: Wir verzichten nicht, weil wir schlecht sind, sondern weil wir gut mit uns umgehen wollen.
Wohlwollen und Weisheit – zwei Kräfte, die sich ergänzen
Wohlwollen bedeutet, anderen und sich selbst Gutes zu wünschen – nicht oberflächlich, sondern auf eine Weise, die tatsächlich heilsam ist. Es ist das Gegenteil von sentimentaler Nachsicht.
Weisheit wiederum erkennt, was wirklich nützt. Ein Beispiel: Eltern, die ihrem Kind alles erlauben, handeln aus Zuneigung, aber nicht aus Weisheit. Erst wenn Güte und Einsicht zusammenwirken, entsteht jene innere Klarheit, aus der der Verzicht auf das Unheilsame selbstverständlich wird.
Großzügigkeit – Verzicht in positiver Gestalt
Eine alltägliche Form des Verzichts ist die Großzügigkeit. Wer teilt, verzichtet auf unmittelbaren Eigenvorteil – und gewinnt innere Weite. Der Buddha nannte dies ein Tor zur Freude: Das Geben befreit, weil es das enge Ich für einen Moment öffnet.
Bhante Pasanna erinnert daran, dass Großzügigkeit viele Formen hat – materiell, emotional, geistig. Sie beginnt mit einem einfachen Gedanken: „Ich will, dass es dir gut geht.“ In diesem Satz liegt schon das Loslassen der Ich-Zentriertheit, die uns so oft einschränkt.
Ethisches Verhalten – das Geschenk der Furchtfreiheit
Verzicht ist auch die Grundlage ethischen Handelns. Wer darauf verzichtet, anderen zu schaden, schenkt ihnen Sicherheit. Der Buddha nannte dies „das Geschenk der Furchtfreiheit“.
Ethisches Verhalten bedeutet, auf die Impulse von Gier, Wut oder Täuschung zu verzichten – nicht, weil man muss, sondern weil man die Folgen versteht. Aus Verantwortung wird Freiheit: Wir wissen, dass wir uns selbst und anderen Frieden schenken, wenn wir achtsam handeln.
Zufriedenheit mit dem, was ist
In der Meditation zeigt sich die Essenz des Verzichts. Der Geist will anderswo sein – in der Vergangenheit, in der Zukunft, im Vergleich. Die Übung besteht darin, diese Tendenz zu erkennen und zu sagen: Zufrieden mit jetzt.
Das ist keine Selbsthypnose, sondern eine Entscheidung, die Gegenwart gelten zu lassen. Zufriedenheit bedeutet nicht, dass alles angenehm ist – sondern dass wir aufhören, ständig woanders zu suchen.
Verzicht als Befreiung
Wenn wir Verzicht verstehen, verliert er seinen negativen Beigeschmack. Er wird zu einem Ausdruck geistiger Reife: dem Mut, sich nicht länger von kurzfristigen Impulsen lenken zu lassen.
Bhante Pasanna erinnert daran, dass jeder Moment der Achtsamkeit, jeder kleine Akt des Gebens, jeder Moment des Nicht-Mitgehens mit Gier und Abneigung den Geist formt. Schritt für Schritt entsteht so eine stille, unaufdringliche Freiheit – die Freiheit, zufrieden zu sein mit dem, was ist.
Nach einem Vortrag von Bhante Pasanna, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich.