Sylvia Wetzel spricht über die Kunst, in unruhigen Zeiten Vertrauen zu bewahren – in sich selbst, in andere und in das Leben. Ein Vortrag über Gelassenheit, Weisheit und die heilsame Kraft des Staunens.

Einleitung: Leben in bewegten Zeiten

„Zuversicht und Gelassenheit“, sagt Sylvia Wetzel, „sind keine Charaktereigenschaften, sondern Haltungen, die man üben kann.“

Die Zeiten seien immer interessant gewesen – das sagt sie mit einem Schmunzeln. Sie ist 1949 geboren und hat die 1950er bis 1970er Jahre bewusst erlebt: den Wiederaufbau, die Proteste, die Aufbrüche. „Wilde Zeiten“, sagt sie. „Aber ich hatte immer Zuversicht – und das hatte viele Gründe.“

Einer davon: das Vertrauen in Menschen und in das Leben selbst.

Vertrauen entsteht durch Lernen

In der tibetischen Tradition, erklärt sie, gibt es drei Arten des Lernens – und daraus entstehen drei Arten von Vertrauen.

Erstens: Wir hören von anderen. Von Eltern, Lehrer:innen, Freund:innen, Vorbildern – und manchmal auch von Menschen, die wir nie getroffen haben, aber deren Worte in uns weiterleben. Für sie ist Hannah Arendt ein Beispiel: eine Lehrerin im Geiste, deren Stimme sie noch heute hört, wenn sie ihre Texte liest.

Zweitens: Wir probieren aus. „Was mich inspiriert, muss ich im Alltag prüfen“, sagt sie. „Manches funktioniert, anderes nicht.“ Ihr tibetischer Lehrer habe stets gesagt: „Probier aus, was bei dir funktioniert.“ Aus dieser Haltung entsteht Selbstvertrauen.

Drittens: Wir erfahren unmittelbar. In der Meditation kann plötzlich ein Moment entstehen, in dem man spürt: Das stimmt. Diese Evidenzerfahrung, wie sie sagt, lässt sich nicht erzwingen – sie ist ein Geschenk. Und wer sie einmal erlebt hat, weiß: Vertrauen ist nicht mehr nur Glaube, sondern Erfahrung.

Kurze Momente, viele Male

Ein Lama habe ihr einmal den Rat gegeben: „Kurze Momente, viele Male.“

Diese kleinen Aha-Erlebnisse, so Wetzel, können wir im Herzen bewegen – immer wieder, ohne sie festzuhalten. „Man kann das Wunder des Lebens nicht machen“, sagt sie, „aber man kann sich daran erinnern.“

Ob beim Blick in den Frühling, beim Gesang, beim Gespräch – Vertrauen wächst dort, wo wir das Leben bewusst wahrnehmen.

Hoffnung heißt: Es kann gut gehen

Sylvia Wetzel zitiert den Philosophen Josef Pieper:

„Hoffnung heißt nicht: Ich weiß, es wird gut. Hoffnung heißt: Es kann gut gehen.“

Dieser Satz habe sie tief berührt. Hoffnung, sagt sie, ist kein Optimismus, sondern eine Offenheit für das Mögliche.

Sie beschreibt, wie ihr Vertrauen in das Leben über die Jahre gewachsen ist: durch Menschen, durch Natur, durch Musik, durch die Erfahrung, dass selbst nach schwierigen Zeiten etwas Neues entstehen kann.

Die vier heilsamen Haltungen

Im Buddhismus spricht man von den vier Brahmavihāras – den „Himmelsverweilungen“: Freundlichkeit, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit.

Wetzel verbindet sie mit einer praktischen Regel: „Wenn es gut läuft – übe Freude. Wenn es schwierig wird – übe Mitgefühl. Wenn du nicht weißt, wie es weitergeht – übe Gelassenheit.“

Und sie lacht: „Freundlichkeit kann man immer üben.“

Diese Haltung, sagt sie, sei keine Flucht, sondern eine Form von geistiger Hygiene. Sie hilft, nicht in Zynismus oder Resignation zu fallen.

Dankbarkeit im Alltag

Zuversicht, betont sie, wächst aus Aufmerksamkeit.

Jeden Morgen und Abend fragt sie sich: Worüber freue ich mich heute? „Ich bin dankbar“, sagt sie, „dass ich lebe, dass ich atme, dass ich essen kann, dass ich Beziehungen habe – nicht zu allen, aber zu vielen.“

Und wenn es schwierig wird, hilft ihr eine einfache Übung: „Will ich glücklich sein und frei von Leid? Und willst du das auch – selbst wenn ich nicht weiß, wie ich dir helfen kann?“ So entsteht Verbindung – jenseits von Lösung, einfach durch das Mitfühlen.

Gelassenheit aus Einsicht

Im traditionellen Buddhismus heißt sie Upekkha – Gleichmut.

Gleichmut bedeutet nicht Kälte, sondern Weite. Die Einsicht, dass das Leben komplex ist, dass nichts bleibt, dass wir nicht alles wissen oder kontrollieren können.

„Ich rechne damit, dass Dinge schiefgehen“, sagt sie. „Und trotzdem: Es gibt immer wieder Entwicklung. Immer wieder Aufblühen.“

Für sie ist das Vertrauen in die Weisheit des Lebens eine Form von spirituellem Realismus – ohne Illusion, aber mit Herz.

Schlussgedanke

„Schaut auf das, was funktioniert“, ruft sie ihrem Publikum zu. „Und freut euch darüber!“

Denn das, was funktioniert, stärkt das Vertrauen. Und Vertrauen wiederum stärkt die Welt.

Nach einem Vortrag von Sylvia Wetzel, gehalten im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg. Der volle Audio-Vortrag ist über das Stadt-Zentrum erhältlich.

Buddhistisches Stadt-Zentrum Hamburg

Willkommen im Buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg – einem Ort der Achtsamkeit, inneren Ruhe und lebendigen Begegnung. Hier finden Menschen zusammen, die mitten im Alltag innehalten möchten, um bewusster, klarer und mitfühlender zu leben.

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